Wenn Papa trinkt.

Schon früh habe ich mitbekommen, dass mein Vater gerne und immer öfters einen über den Durst trank.

Für eine Tochter ist der Papa meistens der King. Bei mir war das so.

Mein Vater war für mich eine Mischung aus Mc Gyver, (er konnte einfach alles und aus allem etwas machen) Superman, (er half wo er konnte und sah in meinen Augen super aus) und John Walton ( aus der Serie die Waltons, ein Vater, der zuhört, passende Antworten parat hatte und sich um die Familie kümmert)

Wenn er jedoch trank, war all das weg. Es war für mich, als ob eine andere Person vor mir stand.

Es brauchte nur Sekunden, ich schaute in seine Augen und wusste, es war wieder soweit.

Mein Vater verwandelte sich in einen unberechenbaren manchmal auch jammernden Fremden und ich wusste oft nicht, wie ich mich ihm gegenüber verhalten sollte.

Ich war auch enttäuscht, denn immer mehr wurde aus dem Halt in meinem Leben ein hilfsbedürftiger Mensch. Manchmal machte es mich wütend, dass er so schwach war.

Diese Instabilität raubte mir schon früh viel Energie und machte mich oft unsicher.

Tausendmal habe ich mich gefragt, was ich dagegen tun könne, ob ich ihm helfen kann, oder ob es gar an mir liegt.

Weihnachten oder Silvester in meiner Kindheit sind mit Streitereien, Tränen und frühem zu Bett gehen in Erinnerung. Oft versuchte ich die Situation zu retten, machte Spässe oder switchte zwischen meiner Mutter und meinem Vater hin und her um die Wogen zu glätten. Ich war dauernd unter Anspannung.

Da ich mich für meine familiäre Situation geschämt hatte, habe ich nie etwas erzählt. Niemand sollte meinen Vater so sehen wie ich, er sollte der nette Mann sein im Aussen, den alle wahrnahmen.

Jahrelang war ich fast krankhaft loyal und das hat sich erst in den letzten fünf Jahren etwas gemässigt.

Leider wurde es bei ihm immer schlimmer. 

Das alles hat Spuren hinterlassen bei mir. Es hinterlässt bei jedem Kind Spuren.

Ich bin gerne dabei, wenn bei einem lustigen Beisammensein etwas getrunken wird, bis zu einem gewissen Punkt, da überkommt mich ganz plötzlich ein furchtbares Gefühl und ich will nur noch nach Hause. Das ist auch heute noch so.

 

Warum ich so offen darüber schreibe? 

 

Weil ich immer noch geschädigt bin und noch heute sehe, wie Kinder mit trinkenden Eltern leben müssen. 

Ich hätte mir so gewünscht, ich hätte es nicht mit ansehen müssen.

Hätte er sich nicht etwas zusammenreissen können? 

Hätte er es nicht diskreter vor uns Kindern machen können?

Es ist nicht so, dass ich generell ein Problem mit Alkohol habe, nur halte ich es immer noch fast nicht aus, wenn sich bei einer Person die ich mag plötzlich die Augen verändern.

Zu schmerzhaft war es für mich, meinem Vater bei dieser Veränderung zu zu sehen.

Vielleicht liest der eine oder andere diesen Text.

Vielleicht überlegt sich der eine oder andere wie sich seine Kinder fühlen.

Ich verurteile niemanden, jedoch ist es nicht schön für ein Kind mit anzusehen, wenn Papa trinkt.

(Gilt natürlich auch für Mama)

 

Bild von: swissmom.ch

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